3. Gedichte

3.4 Was der alte Mühlstein von der Unendlichkeit erzählt (eine Metamorphose)

 

Ich komm aus tiefem Erdengrund.

Dort wurde ich geboren

Aus feurig flüssig Magmaschlund,

zum Mühlstein auserkoren.

 

Dann drehe ich mich im Kreise,

als Mahlstein kenn ich dies wohl,

und niemals endet die Reise

als Mühlstein bin ich Symbol.

 

Ich hörte gern das Mühlrad klappern

es dreht mein schwer Gewicht.

Ich hört lustig Kinder plappern

mit mehlig Staubgesicht.

 

Um mich herum tanzt Kinderschar,

staunt, wie ich das Korn zerdrück.

Vater streicht ihnen übers Haar

zufrieden mit dem kleinen Glück.

 

Quietschen hör ich, Räder knarren,

Ochsen brüllen, mit schwerem Gang

ziehn sie Mehl beladne Karren

hinauf den Weg am steilen Hang.

 

Doch wie ein kurzer Blitz von Licht

ist meine vergangne Zeit

die Gegenwart die gibt es nicht

Zukunft ist die Ewigkeit.

 

Nun lieg ich hier zweihundert Jahr,

gib den Moosen Lebensraum.

Ich träum davon wies einmal war

umschattet von Strauch und Baum.

 

Verwittern werd ich, zu Sediment,

aus mir wird Sand und Staub

und als Mineral, als Element

ernähren Baum und Laub.

 

Dann werde ich wieder Magma,

sink in Erdentiefen ein,

und wieder werden zu Lava,

und einst wieder Mühlstein sein.

 

Lieg ich wieder hier, verflossen

ist endlich lange Zeit,

so hat sich der Kreis geschlossen

Ein Kreis der Unendlichkeit.

 

 

Erich Sammet

(von Aachmühle bis Martinsbrugg, lyrischer Bilderbogen 1999)