2. Beschreibung des Gebietes

2.2 Wege durch das Gebiet, Pflanzen und deren Lebensräume

Vorbemerkung: Für die Begehung des beschriebenen Gebietes, Entdeckung der Lebensräume und deren Pflanzengesellschaften ist gutes Schuhwerk und Trittsicherheit erforderlich.

 

Ein schmaler Fusspfad führt unterhalb der Aachmühle über einen Steg auf das rechtseitige Ufer. Nach ca. 300 m erreicht er ein Wehr. Ein Trampelpfad führt von dort weiter der Goldach entlang. Das gelbe Leuchten zur Frühlingszeit zwischen Gebüschen und auch am Ufer entlang stammt von der Hohen Schlüsselblume (Primula vulgaris) "Das Gold der Goldach". Im schattig feuchten Mischwald wächst in reichen Beständen die Türkenbundlilie (Lilium martagon) oder die herrlich duftende Maiblume (Convallaria majalis) . Der Pfad wird aber bald durch Erdrutsche älteren und neueren Datums unterbrochen. Das labil- dynamische Gebiet welches sich ständig verändert, wird sicht- und erlebbar.

Steigt man den steilen Waldhang am Ibenrain hinauf und durchquert das Gebiet in Längsrichtung, so entdeckt man an diversen Erosionshängen eine bemerkenswerte Pioniervegetation. Auf den südexponierten, humusarmen Böden wächst das Alpenmassliebchen (Aster bellidiastrum) oder die Alpenpestwurz (Petasites paradoxus). An Gehölzpionierpflanzen siedeln Weidenarten, Gemeiner Wacholder, Faulbaum, Mehlbeere und Waldföhre.

Dort, wo die Gehölze eine halb Licht durchlässige Kronenschicht bilden, wachsen auch in dieser stadtnahen Gegend noch seltene Orchideenarten. Mit Glück sind der Frauenschuh "Cypripedium calceolus", Breitkölbchen (Platanthera chlorantha) Langblättriges Waldvögelein (Cephanlanthera longifolia) und schöne Bestände der Nestwurz (Neottia nidus-avis) anzutreffen. Recht häufig im ganzen Gebiet wächst das Grosse Zweiblatt (Listeria ovata).

Wem das „querhangein“ mit durchdringen von dichtem, zuweilen dornigem Buschwerk zu mühsam ist, kann auf einem Trampelpfad zur Waldlichtung Chasten aufsteigen. Von dort führt ein Pfad auch nach den Gehöften Mülbach und Risel. Ein Natursträsschen führt zurück zur Aachmühle.

Geht man vom Chasten weiter in westlicher Richtung, zuweilen auf Wildwechsel- oder bruchstückhaften Trampelpfaden, so erreicht man ein Bergsturzgebiet. 1976 bis 1978 gab es hier massive Felsstürze und immer wieder Rutsche. Bis mehrere Meter hohe und breite Felsblöcke lösten sich von der Sandsteinwand und donnerten den Abhang hinunter. In diesem neuen Lebensraum hat sich in den letzten 20 Jahren eine sehr eindrucksvolle Pioniervegetation entwickelt. Recht zahlreich gedeiht hier der seltene Durchbrochene Bitterling (Blackstonia perfoliata) Ein anderes Enziangewächs, das Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) blüht vereinzelt auf dem kargen Boden. Als echter Enzian kommt der Gefranste Enzian (Gentiana ciliata) vor. Steinblöcke werden vom Weissen Mauerpfeffer (Sedum album) von Flechten und Moosen besiedelt und vom Süssen Tragant (Astragalus glycyphyllos) überwachsen.

An sonnigen Tagen, wenn die Felsbrocken zusätzlich Wärme abstrahlen, duftet die Luft würzig nach dem Feldthymian (Thymus serpyllum) und Origanum vulgare.

An wechselfeuchten Stellen sind noch gute Bestände der Braunroten Sumpfwurz (Epipactis atrorubens) anzutreffen. Eine andere Orchideenart, die Langspornige Handwurz (Gymnadenia conopsea) gedeiht unterhalb des Felssturzes, dort wo ein Erdwall das Wasser staut und der Boden grössere Feuchtigkeit speichert.

In diesem Abschnitt wachsen an Pioniergehölzen Weidenarten, Waldföhren, Zitterpappeln, Hänge- und Moor Birke. Erstaunlicherweise verjüngt sich die Fichte selbst sehr stark. Verlässt man dieses Felssturzgebiet weiter in westlicher Richtung so gelangt man in bestandenen Mischwald.

In dieser unzugänglichen Gegend ist die Forstbewirtschaftung unrentabel. Abgestorbene Bäume dienen den Spechten als Nahrungsquelle, am Boden liegendes Totholz bildet ein Biotop für Algen, Moose, und viele Pilzarten. Eine Heerschar von Kleinlebewesen zersetzen diese organische Substanz zu wertvollem Dauerhumus. Bei der Mineralisierung durch Bakterien entsteht wieder neuer Nährstoff für die Pflanzen. Ein schönes Beispiel von einem geschlossenen und damit intakten, ökologischen Kreislauf.

Ein Pfad führt anschliessend zum Scheibenstand des Standschützenvereins St.Gallen Ost und von dort wieder hinunter zur Goldach. Anfangs Juli wuchs am Wegrand ein sehr schönes, 50 cm hohes Exemplar eines Distel-Würgers (Orobanche retuculata) Als Schmarotzer auf Wurzeln anderer Pflanzen bilden Orobanche kein Chlorophyll und brauchen keine Laubblätter. Blütenstand und Einzelblüten aber sind wunderschön.

Eine Steg-Brücke führt über die Goldach, anschliessend ein Wiesenweg, dann führt ein Schottersträsschen rechtsseitig am Burghügel der Ruine Rappenstein vorbei zum Schützen-stand und Anwesen Schaugenbädli. Hoch über der Goldach entlang verläuft ein Fahrsträsschen bis zur Martinsbrugg.

Ein reizvoller Pfad führt unterhalb des Scheibenstandes auch der Goldach entlang Richtung Martinsbrugg. Im Frühling sticht der würzige Duft des Bärlauchs (Allium ursinum) in die Nase und wiederum viele Türkenbundlilien erfreuen das Auge.

Die Schlucht wird wieder enger, der Baumbestand dichter und im schattig feuchten Klima haben Farne ihren Lebensraum. Das Tüpfelfarn (Polypodium vulgare) wächst epiphytisch auf Baumstämmen und der Eindruck eines Urwaldes wird perfekt.

Ein steiler Pfad führt schliesslich den Hang hinauf und über eine Sumpfwiese gelangt man auf die Strasse nach Eggersriet.

Sehr erlebnisreich ist auch eine Entdeckungwanderung von Aachmüli bis Martinsbrugg der Goldach entlang. "Im Martinstobel" ist dies allerdings nur bei niederem Wasserstand zu empfehlen, muss doch öfters über Felsen geklettert und das Bachbett mehrmals steglos überquert werden. Die Ufervegetation wird zur Hauptsache von Pestwurz gebildet (Petasites albus und hybridus). Schon im März vor den Blättern, schiessen die kräftigen Blütenstande aus dem Boden. Im feuchten Uferbereich findet auch das Milzkraut (Chrysosplenium alternifolium) seinen Lebensbereich. Später im Jahr blühen dem Ufer entlang Wasserdost (Eupatorium cannabium), Geissbart (Aruncus dioicus) Engelwurz (Angelica sylvestris) Baldrian (Valeriana officinalis).

Das linksseitige Ufer ist kaum durch Wege erschlossen. Die nach Norden gerichtete, weniger felsige und steile Hanglage kann mit entsprechendem Schuhwerk durchaus auch begangen werden. Murgänge sind in geringerer Anzahl als auf der Süd exponierten Gegenseite auszumachen. Die Bewaldung ist dichter, Fichten und Tannen bilden die vorherrschenden Baumarten. Die Mehlbeere, auf der trockenwarmen Seite gute Bestände bildend, fehlt. Ebenso der Wacholder. Dafür sind als Unterholz Eiben und Stechpalmen anzutreffen. Viele Farnarten gedeihen in den schwach besonnten Teilen.

Einige hundert Meter vor dem Nagelfluh Felsen, auf dem die Ruine Rappenstein bröckelt, gelangt man zu einer bewaldeten Ebene. Südlich angrenzend liegt eine Rietwiese. In diesem Sumpflebensraum finden Feuchtigkeit liebende Pflanzen ihren Standort. Durch Überweidung, (tiefe Kuhstapfen), ist leider einiges an Vegetation zerstört worden. So fehlen die früher schönen Bestände an Trollblumen und Wollgras fast gänzlich. Einige Raritäten sind auszumachen. An Orchideen die Weisse Sumpfwurz (Epipactis palustris), Traunssteiners Knabenkraut (Dactylohirza traunsteineri) oder prächtig grosse Exemplare der Langspornigen Handwurz (Gymnadenia conopsea).

Das Grosse Flohkraut (Pulicaria dysenterica) mit gelben Körbchenblüten, dazwischen blau das Abbisskraut (Succisa pratensis) oder die würzig duftende Wasser Minze (Mentha aquatica). Gruppen des meterhohen Riesen- oder Elfenbeinschachtelhalmes stehen als Zeugen und Relikte der Urzeit unserer Erde.

Von hier führt ein Pfad der Goldach entlang abwärts. Bernhardsbach und Schaugentobelbach, welche fast an gleicher Stelle in die Goldach münden, sind zu überqueren. Folgt man dem Schaugentobelbach aufwärts, so kann man auf einem schmalen Pfad den bewaldeten Hang entlang aufsteigen und tritt s¨dlich beim Pistolenstand wieder ins Freie, zum Schottersträsschen, welches wiederum zum Anwesen Schaugenbädli führt.

Die von März bis November 1999 aufgefundenen 324 Pflanzen (Gefässsporen und Blütenpflanzen) bestätigt eindrücklich die grosse Artenvielfalt. Würden Moose, Algen, Flechten und Pilze mit berücksichtigt, ergebe sich nochmals eine Vervielfachung der Individuen, welche dieses Gebiet als Lebensraum auserkoren haben und in natürlichen Kreisläufen untereinander verbunden sind.