1. Wie alles begann

(Eine Fabel zur Systematik)

 

Hundertfach bricht sich das Sonnenlicht in der wassergesättigten, dampfenden Luft. In allen Spektralfarben leuchtet das Meer. Da und dort bilden sich uhrglasförmige, grosse Blasen. Wie halbe Seifenblasen tauchen diese aus dem Meer auf, bleiben kurze Zeit stehen und zerplatzen mit einem plupern. Es ist Erd-Frühzeit. Die vormals hitzige Kugel hat sich abgekühlt.

Leben ist auf den Planeten gekommen.

Im Urmeer zieht, einer Wolke gleich, ein Riesenschwarm von Kleinstlebewesen dahin.

Die meisten von ihnen sind grün und haben Sonnenkollektoren bei sich. Licht, welches durch das Wasser dringt, nehmen sie auf und kommen damit zu Energie, welches sie für die Lebensvorgänge benötigen. Sie vermehren sich geschlechtslos indem sie sich einfach teilen.

Jetzt vereinigt sich der Schwarm dieser Einzelligen zu einem dichten Knäuel. Sie versammeln sich und überlegen, wie es weitergehen soll. Manche klagen, dass es nicht lustig sei, immer als einzelne Zelle zu leben und alle Aufgaben mühsam für sich allein zu vollbringen.

Man sollte sich zusammenschliessen, viele Zellen eine Einheit, eine Gemeinschaft bilden. Einige wagen diesen Sprung. Sie hängen sich aneinander, bilden lange Ketten von Zellen und nennen sich Algen. Unübersehbar sind sie damit die Grössten. Sie expandieren kräftig. Auch schwächere Zellen in ihrem Verband vermögen zu überleben.

Einige Millionen Jahre später kommt es wieder zur grossen Versammlung. Das gegenseitige Bestaunen ist gross. Viele haben sich schon zusammengeschlossen und bilden Kügelchen, Spiralen, Rädchen, Klümpchen, Tellerchen , andere sind stäbchenförmig, eckig, stern- oder tropfenförmig. Manche wechseln auch ständig ihre Gestalt. Eine unübersehbare Vielfalt. Neuigkeiten und Erfahrungen werden ausgetauscht. Manche berichten, dass trockenes, felsüberzogenes Land entstanden sei. Die Algen haben dieses Land an Stränden entlang schon besiedelt.

Wir müssen dieses geheimnisvolle trockene Land auch erobern. Es wird beratschlagt, wie dies geschehen soll. Unsere Zellen müssen sich noch mehr spezialisieren. Viele unserer Zellen müssen gemeinsame Aufgaben übernehmen. Röhren und Aussenhaut bilden. Nur so kommen wir weiter. Auch ist zu überlegen, ob nicht der lästige grüne Chemieapparat abgeschafft werden soll.

Andere erheben Einspruch: Das grüne Kleid ablegen heisst die Selbständigkeit verlieren. Wie wollen wir ohne unsere Chloroplasten Zucker gewinnen?

Und so bilden sich bald zwei gegensätzliche Gruppierungen. Die einen planen, ohne grünes Kleid die Erde zu erobern, die anderen wollen auf die autrophe Lebensweise nicht verzichten.

Eine Auseinandersetzung zwischen Autrophen und Heterotrophen findet statt.

"Wir werden die Erde erobern wir werden die Stärksten sein, also schliesst uns an!“ rufen die Vertreter der Heterotrophen.

"Auch wir werden da sein, aber warum sollen wir die Stärksten sein? Warum?“ so fragen die, die auf ihr grünes Kleid nicht verzichten wollen.

"Wir werden schneller vorwärtskommen, wir werden Organe entwickeln, welche uns kriechen, laufen, ja sogar fliegen lassen."

"Warum ist schnell ein Vorteil? Wenn wir langsam sind, bedächtig? Wenn wir sesshaft bleiben, Wurzeln schlagen, ist Standorttreue, ein ganzes Leben lang, ein Nachteil?"

"Wenn wir unser grünes Kleid ablegen, so sind wir, das ist richtig, nicht mehr ganz selbständig. Wir werden von eueren Früchten leben müssen. Wir werden euch fressen"

"Gibt es etwas schöneres als zu dienen? Freude zu bereiten? Wir haben nichts dagegen“ so sprechen in Demut die, welche sich klar zum Pflanzenleben bekennen.

"Wie phantasielos!“ quasselt eine dickliche Gallertkugel. „Wie wollt ihr euch nur verbreiten, ihr kommt ja gar nicht vorwärts. Ihr seid total ohne Visionen. Ihr habt überhaupt keinen Fortschrittsglauben."

"Der Wind, das Wasser wird unsere Samen über die ganze Erde tragen“ gibt eine kleine Grünalge zur Antwort.

"Ha, wie wollt ihr euch paaren? Die genetische Vielfalt entwickeln? Euere Nachkommenschaft sichern? Ohne euch zu bewegen einen Partner zu finden? Immer am gleichen Ort stehen bleiben, total rückständig", proklamiert ein zackiger Bakteriensporn.

"Wir werden eine Lösung finden, welche die Boten der Liebe zu uns bringen. Wir rennen nicht herum .Wir lassen uns nicht stressen. Wir bleiben autroph und damit selbständig."

Und so hat es sich begeben. Vor 600 Millionen Jahren trennten sich die zwei und entwickelten sich, jede Gruppe auf seine Art, zu immer perfekteren Lebewesen.

Die Autrophen behielten ihr grünes Kleid. Sie entwickeln sich zur allergrössten und prachtvollsten Artenvielfalt. Sie blieben aber selbständig und versorgen sich und alle anderen Lebewesen mit Nahrung und Sauerstoff.

Die tierischen Heterotrophen können, wie vorausgesehen , schwimmen , kriechen, fliegen oder sich auf tausend-, später sogar nur noch auf zwei Füssen fortbewegen. Sie müssen aber in ihrem Eroberungsdrang immer wieder warten, bis die pflanzlichen Autrophen neues Land erschliessen. Und so sind die Langsamen am Ende die Schnellsten.

Die tierischen sind gestresst vom herumlaufen. Bei der Nahrung- und Partnersuche verbrauchen sie im Gegensatz zu den pflanzlichen Unmengen von Kraft und Energie.

Interessant ist jene Bemerkung, welche kürzlich ein Delphin in seiner singenden Sprache den Hörenden vortrug: "Dieser Erde wäre viel Leid, Not und Elend und Tränen erspart geblieben, hätten damals die Grünen mit ihren Argumenten die Oberhand behalten."